Die Mobilität der Zukunft klingt für mich wie eine Symphonie

Das Continental Magazin traf Dr. Dirk Abendroth, Chief Technology Officer (CTO) Continental Automotive, auf der IAA in Frankfurt/Main.

Auf dem Continental-Messestand sprachen wir mit ihm über die neuesten Entwicklungen der Mobilität, Klimaschutz und warum Automobil-, Unterhaltungselektronik-, und Softwarebranchen fusionieren.

Interview mit Dr. Dirk Abendroth, Chief Technology Officer (CTO) Continental Automotive

Herr Dr. Abendroth, der Klimaschutz ist das bestimmende Thema auf der diesjährigen IAA – in den Hallen und auch vor den Toren des Messegeländes. Wie groß ist der Einfluss des Klimaschutzes auf unsere Mobilität?

Klimaschutz ist ein sehr wichtiger Change-Parameter. Er wird sich deutlich auf unsere Innovationen, Lösungen und das Produktportfolio auswirken. Das Mobilitäts-Ökosystem, auf das wir hinarbeiten, ist ressourceneffizient, klima- und umweltfreundlich, sicher und nahtlos. Wir fördern nachhaltige Mobilität und leisten dazu wichtige technologische Beiträge.

Können einzelne Länder, Regionen oder Städte etwas bewegen? Oder braucht es mehr, um umweltfreundlicher zu sein?

Da gibt es nicht die eine Lösung, die für alle passt. Jede Region hat ihre eigenen Bedürfnisse, und letztlich entscheidet der Endkunde. Allerdings werden wohl einige Schlüsselmärkte, beispielsweise China, eine Vorreiterrolle einnehmen und zeigen, wie Mobilität in bestimmten Szenarios künftig aussehen kann. Continental ist da einer der führenden Anbieter. Dank unserer umfassenden Kompetenz und der starken globalen Präsenz werden wir weltweit maßgeschneiderte Lösungen anbieten.

Heute vollzieht sich nicht nur ein Wandel im Bereich des Antriebsstrangs, sondern das Auto ist mittlerweile auch ins Internet eingebunden. Damit ist Software ein wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Erfolgsfaktor. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Software wird eines unserer bedeutendsten strategischen Handlungsfelder sein, und ein entscheidender Erfolgsfaktor. Das hat schon jetzt vielfältige positive Auswirkungen, und dieser Trend wird sich verstärken. Software beeinflusst zum einen, wie Produkte erfunden, entwickelt, vertrieben und beworben werden, zum anderen spielt sie eine wichtige Rolle in der Automatisierung der Fertigung. Künstliche Intelligenz (KI) ist ein leistungsstarker Wegbereiter für Software. Sie übernimmt wiederholende Aufgaben; dadurch gewinnen wir Menschen mehr Zeit für kreative Aufgaben und den Umgang miteinander.

Der Wettlauf zwischen der klassischen Automobilindustrie und Softwareunternehmen, die in die Automobilbranche drängen, läuft ja schon seit einiger Zeit. Wer wird als Gewinner hervorgehen und warum?

Die Automobilindustrie befindet sich im Wandel und sieht sich mit neuen Wettbewerbern konfrontiert. Das liegt daran, dass die Automobil-, Unterhaltungselektronik-, IT- und Softwarebranchen teilweise miteinander fusionieren. Wir erleben diesen Trend zum Beispiel bei der Unterhaltungselektronik und dem erheblichen Softwareanteil im Auto, bei gemeinsamen Schnittstellen und Partnern im Edge- und Cloud-Computing, bei ähnlichen Entwicklungsansätzen wie Agile Development und Scrum sowie bei Künstlicher Intelligenz und der Zusammenführung von Geschäftsmodellen.

Zukünftige Mobilitätslösungen werden komplex sein: Sie werden Partner und breitgefächerte Kompetenzen erforderlich machen. Continental ist ein führendes Technologieunternehmen mit reichlich Erfahrung in der Automobilindustrie. Die Bereiche Software- und System-Engineering sowie Dienstleistungen müssen wir jedoch weiter ausbauen. Einige starke Player der Unterhaltungselektronik verfügen auf dem Gebiet Software und Dienstleistungen über ein erstklassiges Know-how und führen sogar häufige OTA-Updates (Over-the-Air) durch. Doch diese Akteure haben mit denselben Vorschriften für die Bereiche Automobil und Mobilität zu kämpfen, um die Vorgaben zu erfüllen. Schließlich bietet der neue Markt allen Beteiligten Chancen und Herausforderungen.

Da Continental im Laufe von fast 150 Jahren seine Wandlungsfähigkeit erfolgreich bewiesen hat, bin ich überzeugt davon, dass wir zu den Gewinnern dieses Transformationsprozesses gehören werden.  

Sie haben einige Zeit im Silicon Valley gearbeitet. Was ist dort das Besondere und Nachahmenswerte?

Das Silicon Valley ist ein ganz besonderer Ort – ein Ort mit einer außergewöhnlich hohen Dichte an exzellenten Ingenieuren und Business-Talenten, getrieben von einer „Can-Do“-Einstellung und Unternehmergeist. Es ist sehr einfach, mit allen in Kontakt zu kommen und zu bleiben, selbst mit den ganz Großen. Die Industrie im Silicon Valley ist von Chancen geprägt, und Misserfolge sieht man als wichtigen Teil im Lernprozess. Und natürlich versucht jeder im Silicon Valley, diese Welt ein bisschen besser zu machen... oder erweckt zumindest den Anschein! [lacht] Dennoch bedeutet die Führung eines Startups in 99 von 100 Fällen einen täglichen Überlebenskampf.

Nachahmenswert? Ja und nein. Continental und die gesamte Branche befinden sich im Wandel; wir müssen unser Produktportfolio konsolidieren und erweitern sowie neue Produkte und Partner finden. Das erfordert natürlich Innovation und Schnelligkeit – und die eben genannten Faktoren ermöglichen schnelle Innovationen und notwendige Investitionen. Darüber hinaus müssen wir weiterhin die Serienfertigung steuern, was aber nicht zulasten unserer Qualität, Sicherheitsstandards und Projektabwicklung gehen darf. Das Silicon Valley, als Platzhalter für Start-up-Hotspots auf der ganzen Welt, bietet attraktive Ideen für Innovationen. Continental braucht dafür ein Gleichgewicht, und Mitarbeiter und Manager sind gemeinsam gefragt, um dieses herzustellen. „Agile“ wird die Antwort auf einige der Herausforderungen sein, während andere sich besser mit den direkt bei Continental vorhandenen Kompetenzen meistern lassen.

Gibt es vergleichbare Regionen, die vielleicht schon auf dem Weg sind, der nächste Technologie-Hotspot zu werden?

China ist ein Beispiel einer solchen Region. Chinesische Kunden begeistern sich für neue Technologien und stellen sich schnell auf sie ein. Die lokale Industrie hat starke Akteure, und die Regierung treibt Innovation und Wandel stetig voran.

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Alter: 44 Jahre

Geburtsort, Heimat und Lieblingshafen: Hamburg

Ausbildung: Ingenieur Elektrotechnik, Nachrichtentechnik 

Berufliche Stationen: BMW, bpce, Byton

Sportliche Ambitionen: 14 Jahre Fußball, 30 Jahre Squash 

Musische Interessen: Trompete; symphonische Musik, Film-Musik (Jurassic Park oder ET), Kammermusik, Salsa und Merengue 

Ihr Vorbild: Charlie Chaplin (was für ein scharfsinniger Verstand in allen Bereichen des Lebens, ein wunderbarer Humor und eine große Dankbarkeit im hohen Alter)

Ihr erstes Auto: BMW 3er

Ihre wichtigste App: Messaging-Apps für meine Frau und alle Freunde rund um die Welt

Ihr Lieblingssong: Mahler 5. Symphonie

Ihr letztes Buch: Roman von Tom Sharpe

Ein noch unerfüllter Lebenstraum: Die Erde aus dem All mit eigenen Augen sehen

Sie sind seit Anfang 2019 CTO bei Continental. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht?

Ich hatte vorher schon als Kunde mit Continental zu tun – daher gibt es keine großen Überraschungen. Aber mich beeindruckt die Vielfalt der Subkulturen und Einstellungen, die gleichzeitig stark von den Werten von Continental geprägt und durch sie verbunden sind. Vielfalt ist ein Gewinn, es erfordert aber auch viel Engagement und gute Zusammenarbeit, daraus einen Wettbewerbsvorteil zu machen.

Und was hat Sie am meisten beeindruckt?

Continental ist ein sehr starker Technologieanbieter mit vielen ganz hervorragend ausgebildeten und erfahrenen Experten. Mit seinem globalen Fußabdruck in der Forschung und Entwicklung ist es ein echtes internationales Unternehmen.

Die Future Perspective – das Ökosystem der Mobilität der Zukunft: Continental zeigt wichtige Elemente auf der IAA 2019.

Wie wird sich individuelle Mobilität Ihrer Einschätzung nach in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln – was wird uns morgen bewegen?

Wir erkennen zahlreiche Trends – vernetzte, autonome, geteilte und die elektrische Mobilität. Das wir die individuelle Mobilität diversifizieren. Die wahre Revolution besteht darin, diese Trends zu einem umfassenden, nahtlosen multimodalen Mobilitätsservice zu kombinieren. Ein entscheidender Faktor für den Wandel könnte das autonome Fahren sein. Die Mobilität der Zukunft wird vielfältiger sein, und Continental wird dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Worauf basieren Ihre Annahmen und wie entwickeln Sie diese Ansichten weiter?

Unsere Annahmen basieren auf umfangreichen Recherchen, Inside-Out-Reflexionen und Outside-In-Beratungen. Unsere „Continental Future Perspective“ identifiziert 220 Zukunftstrends, die unser Leben bis 2030 beeinflussen werden. Das ist unsere „Roadmap auf einen Blick“.

Was bedeutet individuelle Mobilität für Sie – heute und in Zukunft?

Für mich ist individuelle Mobilität schon heute multimodal: Ich wechsle mehrmals täglich zwischen verschiedenen Mobilitätsoptionen, aber ich freue mich darauf, diese Möglichkeiten als nahtlosen Service in einer einzigen App zu erhalten.

Eine letzte Frage: Sie sind auch Musiker, mit einer wahren Leidenschaft für Musik. An welchen Musikstil denken Sie also, wenn Sie die Herausforderungen der Zukunft betrachten?

„Mobilität der Zukunft“ klingt für mich wie eine Symphonie, was ja einfach „Konsonanz, also Zusammenspiel der Klänge“ bedeutet – eine perfekte Analogie zu einer vielfältigen und vernetzten Mobilität der Zukunft. Klingt nach Klassik? Nein, eine Symphonie kann alles sein; moderne Orchester setzen sogar Schlagzeuge, E‑Gitarren und DJs ein – manchmal sogar gleichzeitig über verschiedene Nationen verteilt ... einfach nahtlos.

Das Interview führte Marcus Lieberum, Brand Communications Continental AG, während der Pressetage auf der IAA 2019, Frankfurt am Main.