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Die Continental Mobilitätsstudie

„Hier ist Radio 1871 mit den aktuellen Verkehrsmeldungen. Der öffentliche Personennahverkehr und die Deutsche Bahn fahren während der Pandemie, aber mit einer deutlich geringeren Fahrgastzahl. Bundesweit gibt es derzeit weniger Staus. Auch am Kamener Kreuz kommen Sie derzeit gut durch. Unverändert: Zwischen Heidenheim und Langenau müssen Sie wegen einer Dauerbaustelle mit Verzögerungen rechnen. Dafür gibt es in Berlin zwischen Neukölln und Friedrichshain in beiden Richtungen mehrere Kilometer neuen Fahrradweg.“

Wir sind oft unterwegs. Mobilität ist eine der Grundvoraussetzungen für soziale Teilhabe, den Zugang zum Arbeitsmarkt, gesellschaftlichen Fortschritt oder die Aufrechterhaltung emotionaler Beziehungen. Ohne die Einschränkungen einer Pandemie legen alle Deutschen zusammen genommen täglich 3,124 Milliarden Kilometer zurück, so das Bundesministerium für Verkehr. Und nach Berechnungen der europäischen Kommission investieren private Haushalte in der EU jährlich 1 Billon Euro, um von A nach B zu kommen. Welche Fortbewegungsmittel Menschen nutzen, um mobil zu sein, wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst: Aktuell ist ausgelöst durch die Corona-Pandemie das Bedürfnis nach Gesundheit übermäßig ausgeprägt, aber auch Komfort und Lebensqualität, Sicherheit und der Wunsch nach einer intakten Umwelt spielen eine Rolle. Neue Mobilitätskonzepte müssen diese Bedürfnisse beantworten, um erfolgreich zu sein. 

Mobilität muss in den Alltag und unsere Lebensrealität passen

Im Moment verbringen viele von uns mehr Zeit als sonst zu Hause, aber grundsätzlich bedeutet die Möglichkeit, jederzeit aufbrechen zu können, um an einen anderen Ort zu gelangen, ein Gefühl von Freiheit. Dabei ist das Auto nach wie vor am wichtigsten, weil es Flexibilität ermöglicht, individuelle Mobilität zulässt und lange Strecken bewältigt.

Das ist das eindeutige Ergebnis der Continental Mobilitätsstudie 2020, für die Menschen in Deutschland, Frankreich, den USA, China und Japan zu ihrer Fortbewegung befragt wurden. Weit mehr als 80 Prozent haben geantwortet, dass sie ein Auto besitzen, mit dem sie regelmäßig fahren. Das Auto von Familie oder Freunden ist für 14 bis 20 Prozent der Menschen relevant. Neue Sharing-Konzepte wie Ride Pooling oder Ride Hailing spielen bisher insgesamt keine relevante Rolle. Nur in großen Städten, insbesondere in den USA, stieg die Nutzung etwas an – das macht sie aber noch lange nicht zum Mainstream-Phänomen. Darüber hinaus geben in China rund zehn Prozent der Menschen an, diese Services regelmäßig zu nutzen. Allerdings denken dort auch mehr Menschen als in jedem anderen Land über einen Autokauf nach. Deswegen könnten Sharing Modelle sogar noch an Bedeutung verlieren.

Ride Pooling

Beim Ridepooling geht es darum, Menschen, die in die gleiche Richtung fahren wollen, in einem Fahrzeug zu sammeln und den Preis zu teilen. Für die Bündelung der Strecken nutzen die Anbieter Apps inklusive Algorithmen und Künstlicher Intelligenz.

Ride Hailing

Es ist die Evolution des Taxis. „Ride“ steht für Fahrt und „Hailing“ für Herbeiwinken. Nur braucht heute niemand mehr den Arm zu heben, eine App genügt. Die Vorteile: Ankunftszeit und Position des Fahrers werden in Echtzeit angezeigt.

Individuelle Mobilität ist für Menschen eine elementare Wohlstandserfahrung und nicht wegzudenken, insbesondere in ländlichen Gebieten. Darauf müssen Konzepte für die Zukunft Rücksicht nehmen, damit sie in die Lebensrealität der Menschen passen. Klar ist aber auch: Mobilität wird sich verändern. Denn in großen Städten entfällt 30 bis 40% des Verkehrs auf die Parkplatzsuche, die Digitalisierung schreitet voran und Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Werfen wir einen Blick darauf, wie Menschen aktuell während der noch andauernden Pandemie mobil sind.

In der Krise sind Menschen erst recht lieber allein unterwegs

Durch den Ausbruch und die Verbreitung des Coronavirus sind die Menschen anders unterwegs als zuvor. Obwohl sich Mobilität insgesamt verringert, ist der Wunsch nach individueller Mobilität noch größer geworden. 

Fast die Hälfte der Befragten in China gibt an, mehr mit dem Auto unterwegs zu sein. In Deutschland sind es immerhin ein Viertel der Befragten. Selbst in Frankreich, wo die Bewegungsfreiheit und damit die Mobilität besonders stark eingeschränkt wurde, haben 16 Prozent der Bevölkerung das Auto häufiger genutzt als vor Beginn der Pandemie. Die USA (22 Prozent) und Japan (21 Prozent) kommen auf ähnliche Werte. Auch das Fahrrad ist beliebter geworden und hat an Bedeutung gewonnen. Mit 34 Prozent liegt dieser Wert in China besonders hoch, gefolgt von Deutschland mit 21 Prozent. 

Ganz anders sieht es dagegen bei öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Sie werden als Infektionsrisiko wahrgenommen und sind im Moment oft nicht das Verkehrsmittel der Wahl. Die Hälfte der Deutschen gibt an, dass sie öffentliche Verkehrsmittel seltener nutzen als zuvor. In China und Japan sind es sogar mehr als die Hälfte der Menschen.

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Wie unterschiedlich die individuelle Mobilität in Einzelfällen ausfallen kann, zeigt das Beispiel von Vivian G. (27). Sie lebt mit ihrem Mann und einem Kind in Frankfurt. Sie haben sich nicht für die Innenstadt entschieden, sondern für den Stadtteil Bergen-Enkheim, der etwas weiter draußen ist. Öffentliche Verkehrsmittel oder den Zug nutzt die junge Familie aktuell gar nicht, deswegen musste eine andere Lösung her. „Wir fühlen uns der Generation Fridays for Future zugehörig. Deswegen kam ein Auto nicht in Frage, sondern wir erledigen alle Einkäufe und Wege mit einem Elektro-Lastenrad. Unser Kind liebt die Fahrten mit dem Rad und wir sind auch sehr glücklich mit dem Kauf, weil wir oft an der frischen Luft sind, keinen Parkplatz suchen müssen und weil es billiger ist als ein Auto“, erzählt Vivian. Wenn sie doch mal längere Strecken fahren wollen, nutzen sie einen Car-Sharing Service. Ein eigenes Fahrzeug ist keine Option. Aber sollte es in Zukunft nicht anders gehen, würden sie sich für ein Elektroauto entscheiden.

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Die Frage ist, ob sich der Wunsch nach individueller Mobilität auch nach der Krise verstetigt. Einige Ergebnisse deuten dies an: Zwischen 6 Prozent (Japan und Deutschland) und 15 Prozent (USA) der Befragten berichten nämlich, dass sie ein Auto gekauft haben oder dies in Betracht ziehen – eine mittel- bis langfristig ausgerichtete Entscheidung. In China, wo der Anteil der Autobesitzer noch deutlich geringer ist, sind es sogar 58 Prozent der Befragten. 

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Meghann McCallister (39) aus Bainbridge Island bei Seattle, USA, nutzt regional bedingt mit dem Wasserweg eine ganz andere Option „Vor der COVID-19-Pandemie war unser Alltag hinsichtlich der Mobilität sehr vielfältig. Dazu gehörten der Schulbus und unsere eigenen Pkws, erklärt Meghann. „Im Moment arbeiten mein Partner und ich von zu Hause und die Kinder haben virtuellen Schulunterricht. Wenn ich in die Stadt will laufe ich, fahre mit dem Rad oder nehme den öffentlichen Bus zum Fähranleger nach Seattle.“ Meghan wohnt mit ihrer Familie acht Meilen außerhalb der nordamerikanischen Metropole auf einer der nahegelegenen Inseln, die parallel zur Brückenanbindung mit der Fähre zu erreichen ist. Mit zwei Kindern war es ihnen wichtig, mehr Platz außerhalb des Hauses und mehr Freizeitmöglichkeiten zu haben. Die Pandemie wird dauerhafte Veränderungen in der Mobilität hinterlassen, so auch bei Meghanns Familie: „Vor der Pandemie hatten wir zwei Autos, aufgrund unserer unterschiedlichen Arbeitszeiten sowie der verschiedenen Stundenpläne und Aktivitäten der Kinder. Jetzt reicht uns ein Auto, da wir die meiste Zeit zu Hause verbringen. Wir planen unsere Fahrten jetzt vorrausschauender, haben eine neue Work-Life-Balance und wollen uns unter normalen Umständen kein zweites Auto mehr anschaffen, erklärt Meghann. 

Die Pandemie macht uns bewusst: Katastrophen können unsere Welt aushebeln. Wichtig ist, wie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina schreibt, Resilienz – also eine Art Widerstands- und Regenerationsfähigkeit von Gesellschaften – aufzubauen. Der Klimawandel ist die nächste akute Bedrohung, auf die wir Antworten finden müssen und das Thema Nachhaltigkeit rückt in den Vordergrund. Nach einer Schätzung des Bundesministeriums für Verkehr wird es 2050 weltweit 4 Milliarden Fahrzeuge geben, aktuell sind es 1,2 Milliarden. Das bedeutet, dass wir dringend darüber nachdenken müssen, wie eine klimafreundliche Energieversorgung für den Verkehr der Zukunft aussieht.

Elektrisch, individuell und nachhaltig

Elektromobilität gilt als zentrales Zukunftskonzept, um den Individualverkehr nachhaltiger zu gestalten. Seit 2013 ist der Anteil von Autobesitzern, die sich vorstellen können, zukünftig ein reines E-Auto zu fahren, in den meisten Ländern teils deutlich gestiegen. Trotzdem liegt der Absatz von elektrisch angetriebenen Fahrzeugen – sowohl in Deutschland als auch nahezu allen anderen Teilen der Welt – deutlich hinter den Erwartungen und dem benötigten Ausmaß, um die anvisierten Einsparziele bei den Treibhausgasemissionen zu erreichen.

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Rund ein Drittel der Befragten in Deutschland gibt an, sich den Kauf eines Elektroautos zukünftig vorstellen zu können, noch im Jahr 2013 waren es nur 17 Prozent. Doch auch in Frankreich (57 Prozent) und den USA (50 Prozent) sieht sich mindestens die Hälfte der Bevölkerung nicht in einem Elektroauto. In Japan (46 Prozent) liegt der Anteil nur unwesentlich darunter. Trotz dieser steigenden Bereitschaft sich mit dem Kauf eines Elektrofahrzeugs auseinander zu setzen, gilt: Der Großteil der Menschen kann sich das ganz konkret für den eigenen Alltag nicht vorstellen.

Der insgesamt bedeutendste Grund, der für die meisten Menschen gegen Elektroautos spricht, ist die Reichweitenangst. Fehlende Ladestationen sind in vier der fünf untersuchten Länder der wichtigste Grund für die Menschen gegen das elektrische Fahren. Nur in Frankreich ist es der Preis, der die meisten Menschen abschreckt. Ansonsten fällt auf, dass die Vorbehalte im internationalen Kontext ähnlich verteilt sind: die vier wichtigsten Argumente der Elektroskeptiker sind in allen fünf Länder die gleichen: geringe Verfügbarkeit an Ladestationen, geringe Reichweite, erzwungene Ladepausen bei längeren Reisen und der hohe Preis im Vergleich zu Wagen mit Verbrennungsmotoren. Für viele schränkt das die Freiheit, die ein eigenes Auto doch bieten sollte, viel zu sehr ein.

Im internationalen Vergleich besonders hervorstechend: Ein Drittel der Befragten in Deutschland gibt als Argument gegen die Elektromobilität auch an, dass die Technik nicht umweltfreundlich sei, wesentlich mehr als in allen anderen Befragungsländern.

Dies spricht eindeutig dafür, dass neben „harten“ Faktoren, die sich von Politik und Industrie verändern lassen (u.a. Preis, Technik, Infrastruktur) auch die Wahrnehmung der Technologie mit Informationskampagnen verändert werden muss.

Es gibt aber auch Anlass zur Hoffnung: Laut Kraftfahrtbundesamt sind die Neuzulassungen in Deutschland für voll elektrisch betriebene Pkw im vergangenen Oktober gegenüber dem Oktober 2019 um 365 Prozent gestiegen. Gleichzeitig gingen die Neuzulassungen von Benzinern im Oktober um knapp 30 Prozent zurück. Schaut man auf die absoluten Zahlen, ist der Unterschied allerdings immer noch gewaltig: 115.000 Benziner kamen im Oktober auf deutsche Straßen – und 23.000 Stromautos.

Im urbanen Umfeld wie Shanghai, China, (links) oder Metropolregionen wie im Silicon Valley, USA, (rechts) kann die Elektromobilität den Verkehr deutlich nachhaltiger gestalten.

Das Reich der Elektromobilität

Ein entscheidender Push für die Elektromobilität könnte aus China kommen. Darauf deuten die Ergebnisse der Continental Mobilitätsstudie hin. China ist als „automobiler Wachstumsmarkt“ seit Jahren ein zentraler Absatzmarkt für Automobilhersteller aus der ganzen Welt. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Bedeutung des Individualverkehrs in keinem anderen Land so deutlich zugenommen hat, wie in China: 46 Prozent der Befragten nutzen das Auto häufiger als zuvor. In Deutschland ist dieser Anteil mit 23 Prozent halb so groß. Dieser Trend wird anhalten. Fast 60 Prozent der Befragten geben an, ein Auto gekauft zu haben oder dies in Betracht zu ziehen.

Die Menschen auf dem Land sind der Treiber in den Statistiken in Bezug auf die individuelle Mobilität in China.

Lilian Xu, Shanghai

Aber auch in China gibt es große Unterschiede im Mobilitätsverhalten, wie Lilian Xu (37) aus Shanghai erklärt: „Die Menschen auf dem Land sind der Treiber in den Statistiken in Bezug auf die individuelle Mobilität in China. Hier bestand viel Nachholbedarf, der sich in den Verkaufszahlen von privaten Pkw zeigt.“ In den chinesischen Städten wie Shanghai nutzen die Bürger aus Zeitgründen weiterhin verstärkt den öffentlichen Nahverkehr – auch in Pandemiezeiten. Zum einen aufgrund des sehr gut ausgebauten Nahverkehrsnetzes von U-Bahnen und Bussen und zum anderen, um die Staus während des Berufsverkehrs zu umgehen. Die Elektromobilität ist in den chinesischen Städten schön länger angekommen, berichtet Lilian: „Viele private Taxi- und Ride Sharing-Anbieter setzen sehr stark auf Elektrofahrzeuge und die Elektroroller gehören für uns zum gewohnten Stadtbild.“

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Hinzu kommt, dass die Offenheit gegenüber Elektrofahrzeugen in keinem anderen Land so groß ist: 86 Prozent der Befragten in China können sich den Kauf eines Elektroautos vorstellen. Das bedeutet auch, dass die deutsche Autoindustrie mithalten muss, um den stark wachsenden chinesischen Elektromobilitätsmarkt zu erschließen und nicht von Konkurrenten wie Tesla und lokalen Anbietern abgehängt zu werden. Tatsächlich ist noch viel Luft nach oben. Laut dem deutschen Automobilverband VDA haben die deutschen Autohersteller in China gerade einmal einen Marktanteil von zwölf Prozent. Dabei ist die Volksrepublik der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt für viele deutsche Autoproduzenten.

Das Fazit: Individuelle Mobilität ist sehr wichtig, das Fahrrad und andere alternative individuelle Fortbewegungsmittel spielen mittlerweile eine größere Rolle, aber auch die Vorliebe für die Fortbewegung in einem Automobil ist ungebrochen. Diese Trends werden durch die Coronavirus-Pandemie noch verstärkt. Elektromobilität ist eine vielversprechende Option, Mobilität nachhaltig zu gestalten. Um den Weg in den Massenmarkt zu ebnen, sind aber nach wie vor infrastrukturelle Fragen zu lösen. Auch Vorbehalte bei Verbrauchern gilt es abzubauen.

„Und damit kommen wir zum Ende der Verkehrsmeldungen. Wir wünschen gute Fahrt, ob über Land, zu Wasser oder in der Stadt. Bleiben Sie gesund.“